Robert Franz (1815-1892), deutscher Komponist: Unterschied zwischen den Versionen

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Robert Franz (eigentlich Robert Franz Julius Knauth; * 28. Juni 1815 in Halle an der Saale; † 24. Oktober 1892 ebenda) war ein deutscher Komponist, Organist und Dirigent. Zu Lebzeiten von Zeitgenossen wie Robert Schumann, Franz Liszt und Felix Mendelssohn geschätzt, gehört er heute zu den weitgehend vergessenen Komponisten der deutschen Romantik.
'''Robert Franz''' (eigentlich Robert Franz Julius Knauth; * 28. Juni 1815 in Halle an der Saale; † 24. Oktober 1892 ebenda) war ein deutscher Komponist, Organist und Dirigent. Er gilt als einer der bedeutendsten Liedkomponisten der deutschen Romantik – und gehört gleichzeitig zu den am stärksten vergessenen.


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1885 wurde ihm zu seinem 70. Geburtstag – anlässlich der Feier des 200. Geburtstags Georg Friedrich Händels – das Ehrenbürgerrecht der Stadt Halle verliehen.
1885 wurde ihm zu seinem 70. Geburtstag – anlässlich der Feier des 200. Geburtstags Georg Friedrich Händels – das Ehrenbürgerrecht der Stadt Halle verliehen.


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=== Familie ===
 
1848 heiratete Robert Franz in Halle Marie Hinrichs (1828–1891),
Tochter des Hallenser Philosophieprofessors Hermann Friedrich
Wilhelm Hinrichs. Marie Franz war selbst Komponistin und hatte bereits 1846 – also
zwei Jahre vor der Heirat – bei Breitkopf & Härtel in Leipzig einen
Band mit neun Gesängen für Singstimme und Klavier veröffentlicht.
 
Dem Paar wurden drei Kinder geboren. Bekannt sind: ein Sohn, der
1900 als praktischer Arzt in Heidelberg starb, sowie eine Tochter,
die den Superintendenten Bethge in Giebichenstein heiratete.
 
Marie Franz starb 1891. Robert Franz,
taub und weitgehend isoliert, überlebte sie um ein Jahr.
Beide sind auf dem Stadtgottesacker in Halle begraben.
 
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== Das Werk ==
== Das Werk ==
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* ''Aus meinen großen Schmerzen'', op. 5 Nr. 1 (Text: Heinrich Heine)
* ''Aus meinen großen Schmerzen'', op. 5 Nr. 1 (Text: Heinrich Heine)
* ''Auf dem Meere'', op. 5 Nr. 3 (Text: Heinrich Heine)
* ''Auf dem Meere'', op. 5 Nr. 3 (Text: Heinrich Heine)
* ''Sterne mit den goldnen Füßchen'' (Text: Heinrich Heine)
* ''Sterne mit den goldnen Füßchen'', op. 30 Nr. 1 (Text: Heinrich Heine)
* ''Schilflieder'', op. 2 (Text: Nikolaus Lenau)
* ''Schilflieder'', op. 2 (Text: Nikolaus Lenau)


Die Opuszahlen von ''Sterne mit den goldnen Füßchen''
=== Bearbeitungen von Bach und Händel ===
konnten nicht zweifelsfrei belegt werden.  
 
Neben seinen Liedern hat Franz einen – heute kaum noch bekannten,
aber musikhistorisch aufschlussreichen – Teil seiner Energie in die
Bearbeitung älterer Musik investiert. Als Leiter der Singakademie
musste er Werke von Bach und Händel aufführbar machen – und das
bedeutete im 19. Jahrhundert: eingreifen.


=== Bearbeitungen von Bach und Händel ===
Konkret tat er dreierlei:
 
* '''Generalbassaussetzung:''' Die in Barockpartituren nur als bezifferter oder unbezifferter Bass notierten Begleitstimmen schrieb er vollständig aus – für Klavier oder Orchester.
 
* '''Uminstrumentierung:''' Barockbesetzungen ersetzte er durch das romantische Orchester. Cembalo, Gambe, Oboe d'amore – all das wurde durch zeitgenössische Instrumente ersetzt.


Neben seinen Liedern hat sich Franz einen – weniger bekannten, aber musikhistorisch bedeutsamen – Namen als Bearbeiter älterer Musik erworben. Als Leiter der Singakademie brachte er Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel zur Aufführung und fertigte dafür eigene Bearbeitungen an, die den Werken eine für das 19. Jahrhundert spielbare Gestalt gaben.
* '''Ergänzung fehlender Stimmen:''' Wo Partituren lückenhaft überliefert waren, schrieb er fehlende Stimmen hinzu.


Zu seinen wichtigsten Bearbeitungen zählen:
Das Ergebnis war kein historisches Bach oder Händel, sondern Bach
* J. S. Bach: Matthäuspassion, Magnificat, Weihnachtsoratorium, Trauerode, zahlreiche Kantaten
und Händel im romantischen Gewand – aufführungspraktisch für das
* G. F. Händel: Messias, Jubilate, L'Allegro il Pensieroso ed il Moderato, Arien und Duette
19. Jahrhundert gedacht, ästhetisch aber von Anfang an umstritten.


Diese Bearbeitungen waren unter Musikern höchst umstritten – und führten zu einem der interessantesten musikwissenschaftlichen Streits der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (siehe unten).
Genau hier lag der Kern des späteren Streits mit Friedrich
Chrysander und Philipp Spitta (siehe [[#Der Bearbeitungsstreit|
Der Bearbeitungsstreit]]): nicht ob man den Generalbass aussetzen
darf, sondern ''wie'' – und ob dabei die Klangsprache des  
19. Jahrhunderts legitim ist.


== Der Bearbeitungsstreit ==
== Der Bearbeitungsstreit ==
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* '''Die Taubheit:''' 25 Jahre Isolation am Ende seines Lebens bedeuteten: kein Spätwerk, keine Weiterentwicklung, keine späten Meisterwerke wie bei Beethoven oder Schubert.
* '''Die Taubheit:''' 25 Jahre Isolation am Ende seines Lebens bedeuteten: kein Spätwerk, keine Weiterentwicklung, keine späten Meisterwerke wie bei Beethoven oder Schubert.


Schumann hatte Franz übrigens bereits früh ermahnt, sich nicht auf das Lied zu beschränken. Franz blieb trotzdem bei seiner Wahl – konsequent und ohne Kompromisse. Das verdient Respekt, auch wenn es seinen Nachruhm gekostet hat.
Schumann hatte Franz übrigens bereits früh ermahnt, sich nicht auf das Lied zu beschränken. Franz blieb trotzdem bei seiner Wahl – konsequent und ohne Kompromisse.


== Zeitgenössische Wertschätzung ==
== Zeitgenössische Wertschätzung ==

Aktuelle Version vom 31. Mai 2026, 13:49 Uhr

Robert Franz (eigentlich Robert Franz Julius Knauth; * 28. Juni 1815 in Halle an der Saale; † 24. Oktober 1892 ebenda) war ein deutscher Komponist, Organist und Dirigent. Zu Lebzeiten von Zeitgenossen wie Robert Schumann, Franz Liszt und Felix Mendelssohn geschätzt, gehört er heute zu den weitgehend vergessenen Komponisten der deutschen Romantik.

Robert Franz (1815–1892)

Leben

Herkunft und Ausbildung

Robert Franz stammte aus einer alteingesessenen Hallorer-Familie. (Siehe auch: Halloren). Er wuchs in Halle auf, wo er ab 1828 die Latina der Franckeschen Stiftungen besuchte. Früh fiel er durch musikalische Begabung auf; der dortige Kantor Carl Gottlob Abela ließ ihn die Proben des Schulchors am Klavier begleiten. Von 1835 bis 1837 studierte er Komposition bei Friedrich Schneider in Dessau und kehrte danach nach Halle zurück – in eine Stadt, die er zeit seines Lebens kaum verlassen sollte.

Berufliche Laufbahn in Halle

Nach schwierigen wirtschaftlichen Anfangsjahren übernahm Franz 1841 das Organistenamt an der Ulrichskirche. Im folgenden Jahr wurde er Dirigent der Singakademie Halle, die später seinen Namen annahm. 1848 heiratete er Marie Hinrichs, Tochter eines Professors und selbst Komponistin; das Paar hatte drei Kinder. 1859 wurde Franz schließlich zum Universitätsmusikdirektor ernannt – der Höhepunkt seiner öffentlichen Laufbahn.

Krankheit und Rückzug

Seit 1843 litt Franz an einem Nerven- und Ohrenleiden, das sich über Jahrzehnte progressiv verschlimmerte und schließlich zur vollständigen Taubheit führte. 1867 wurde er beurlaubt, 1868 musste er alle Ämter endgültig aufgeben. Die daraus folgende finanzielle Not war erheblich: Ein 1867 zuerkannter Ehrensold wurde ihm 1877 auf Betreiben von Widersachern wieder entzogen. Seinen Lebensunterhalt sicherte schließlich ein 1873 von Freunden und Kollegen – allen voran Franz Liszt – gestifteter Ehrenfonds in Höhe von 30.000 Talern.

Die letzten rund 25 Jahre seines Lebens verbrachte Franz in nahezu vollständiger Taubheit und sozialem Rückzug. Er starb am 24. Oktober 1892 in Halle.

1885 wurde ihm zu seinem 70. Geburtstag – anlässlich der Feier des 200. Geburtstags Georg Friedrich Händels – das Ehrenbürgerrecht der Stadt Halle verliehen.

Familie

1848 heiratete Robert Franz in Halle Marie Hinrichs (1828–1891), Tochter des Hallenser Philosophieprofessors Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs. Marie Franz war selbst Komponistin und hatte bereits 1846 – also zwei Jahre vor der Heirat – bei Breitkopf & Härtel in Leipzig einen Band mit neun Gesängen für Singstimme und Klavier veröffentlicht.

Dem Paar wurden drei Kinder geboren. Bekannt sind: ein Sohn, der 1900 als praktischer Arzt in Heidelberg starb, sowie eine Tochter, die den Superintendenten Bethge in Giebichenstein heiratete.

Marie Franz starb 1891. Robert Franz, taub und weitgehend isoliert, überlebte sie um ein Jahr. Beide sind auf dem Stadtgottesacker in Halle begraben.

Robert Franz, späte Aufnahme

Das Werk

Die Lieder

Robert Franz schrieb über 350 Kunstlieder für Singstimme und Klavier – und fast ausschließlich das. Keine Symphonien, keine Opern, kein Streichquartett. Diese bewusste Konzentration auf eine einzige Gattung war seine Stärke und zugleich der Grund für sein späteres Vergessen.

Etwa ein Viertel seiner Lieder vertont Texte von Heinrich Heine. Daneben war Karl Wilhelm Osterwald ein bevorzugter Dichter. Franz' Vertonungsweise gilt als außerordentlich textgetreu und harmonisch differenziert – ohne Effekthascherei, in großer Zurückhaltung und mit feinem Klangsinn. Robert Schumann, dem Franz 1843 sein erstes gedrucktes Heft (op. 1, Zwölf Gesänge) zuschickte, antwortete, die Lieder hätten ihm gefallen „wie seit langer Zeit keine mehr". Auch Mendelssohn, Liszt und Wagner äußerten sich anerkennend.

Zu den heute noch gelegentlich aufgeführten Liedern gehören:

  • Aus meinen großen Schmerzen, op. 5 Nr. 1 (Text: Heinrich Heine)
  • Auf dem Meere, op. 5 Nr. 3 (Text: Heinrich Heine)
  • Sterne mit den goldnen Füßchen, op. 30 Nr. 1 (Text: Heinrich Heine)
  • Schilflieder, op. 2 (Text: Nikolaus Lenau)

Bearbeitungen von Bach und Händel

Neben seinen Liedern hat Franz einen – heute kaum noch bekannten, aber musikhistorisch aufschlussreichen – Teil seiner Energie in die Bearbeitung älterer Musik investiert. Als Leiter der Singakademie musste er Werke von Bach und Händel aufführbar machen – und das bedeutete im 19. Jahrhundert: eingreifen.

Konkret tat er dreierlei:

  • Generalbassaussetzung: Die in Barockpartituren nur als bezifferter oder unbezifferter Bass notierten Begleitstimmen schrieb er vollständig aus – für Klavier oder Orchester.
  • Uminstrumentierung: Barockbesetzungen ersetzte er durch das romantische Orchester. Cembalo, Gambe, Oboe d'amore – all das wurde durch zeitgenössische Instrumente ersetzt.
  • Ergänzung fehlender Stimmen: Wo Partituren lückenhaft überliefert waren, schrieb er fehlende Stimmen hinzu.

Das Ergebnis war kein historisches Bach oder Händel, sondern Bach und Händel im romantischen Gewand – aufführungspraktisch für das 19. Jahrhundert gedacht, ästhetisch aber von Anfang an umstritten.

Genau hier lag der Kern des späteren Streits mit Friedrich Chrysander und Philipp Spitta (siehe Der Bearbeitungsstreit): nicht ob man den Generalbass aussetzen darf, sondern wie – und ob dabei die Klangsprache des 19. Jahrhunderts legitim ist.

Der Bearbeitungsstreit

Franz' Ergänzungen des barocken Generalbasssatzes – also seine Ausführung der in Barockpartituren nur skizzenhaft notierten Begleitung – stießen auf scharfen Widerspruch der aufkommenden philologisch-historischen Schule. Besonders Friedrich Chrysander, Herausgeber der Händel-Gesamtausgabe, und Philipp Spitta, der maßgebliche Bach-Forscher der Zeit, kritisierten Franz' Herangehensweise als zu romantisierend und zu wenig historisch korrekt.

Franz seinerseits ließ sich das nicht gefallen. In einem Brief an seinen Freund Julius Schäffer schrieb er über Chrysander:

„Das ist ja ein ganz unverschämter Schlingel, der sich ernsthaft einzubilden scheint, Händel, weil er sich sonst einiges Verdienst um ihn erworben hat, ausschließlich als Domäne gepachtet zu haben."

Der Streit wurde auch öffentlich geführt. Schäffer verfasste zwischen 1875 und 1880 eine Reihe von Streitschriften zur Verteidigung der Franz'schen Bearbeitungen, darunter Entgegnung auf Ph. Spitta's Artikel: Über das Accompagnement in den Kompositionen Seb. Bachs und Friedr. Chrysander in seinen Klavierauszügen zur deutschen Händel-Ausgabe. Franz selbst meldete sich mit einem Offenen Brief an Eduard Hanslick und den Mitteilungen über J. S. Bachs Magnificat zu Wort.

Auf Seiten der Franz'schen Bearbeitungen standen namhafte Praktiker wie Liszt, Felix Mottl, Hans Richter und Arthur Nikisch. Die philologische Schule – Chrysander, Spitta – pochte auf Texttreue.

Dieser Streit ist im Kern derselbe, der bis heute nicht wirklich entschieden ist: Wie viel interpretatorische Freiheit darf – oder muss – eine lebendige Aufführung alter Musik haben? Franz stand auf der Seite der musikalischen Praxis; die Gegenseite bereitete den Boden für das vor, was später als Historisch Informierte Aufführungspraxis bekannt werden sollte.

Warum ist Robert Franz vergessen?

Das ist eine berechtigte Frage – und die Antwort ist vielschichtig:

  • Das Gattungsproblem: Franz schrieb fast ausschließlich Lieder. Im 20. Jahrhundert rückte das Kunstlied zunehmend an den Rand des Konzertlebens. Komponisten, die auch Symphonien, Kammermusik oder größere Vokalwerke hinterlassen haben – Brahms, Schumann, Schubert –, blieben im Repertoire präsent. Franz nicht.
  • Kein zyklisches Hauptwerk: Anders als Schubert mit der Winterreise oder der Schönen Müllerin hinterließ Franz keinen Liederzyklus, der als geschlossenes Abendprogramm funktioniert und vermarktbar ist.
  • Kein überregionales Netzwerk: Franz lebte und arbeitete sein Leben lang in Halle. Er hatte keine Schüler, die seine Tradition weitergetragen hätten, und keine Präsenz in den großen Musikzentren Wien, Leipzig oder Berlin.
  • Die Taubheit: 25 Jahre Isolation am Ende seines Lebens bedeuteten: kein Spätwerk, keine Weiterentwicklung, keine späten Meisterwerke wie bei Beethoven oder Schubert.

Schumann hatte Franz übrigens bereits früh ermahnt, sich nicht auf das Lied zu beschränken. Franz blieb trotzdem bei seiner Wahl – konsequent und ohne Kompromisse.

Zeitgenössische Wertschätzung

Dass Franz zu Lebzeiten keineswegs unbekannt war, zeigt eine Episode aus dem Jahr 1873: Als seine finanzielle Lage nach dem Verlust seiner Ämter und Bezüge prekär wurde, organisierten Franz Liszt und andere namhafte Musikerpersönlichkeiten einen Ehrenfonds, der Franz den Lebensunterhalt sicherte. Liszt hatte zudem bereits 1872 eine Monographie über Franz verfasst.


Seite erstellt im Kontext eines Konzertprogramms mit Liedern von Robert Franz, Mai 2026.